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Zwei Geschwister - eine Leidenschaft

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ZWEI GESCHWISTER, EINE LEIDENSCHAFT

„Fünf, sechs, sieben, acht.“ Dann beginnen sie zu tanzen. So ungefähr sieht es oft aus, wenn bei den Schuberts „Feierabend“ ist. Oder das, was andere dafürhalten würden.

Die beiden sind Geschwister und Solisten in derselben Disziplin: Garde Solo beim Deutschen Verband für Garde- und Schautanzsport. Eine Sportart, die nach Karneval klingt, aber Hochleistungssport ist: Akrobatik, Sprungkraft, Spagate, Ausdruck – alles allein auf der Bühne, ohne Team, ohne Partner. Minuten, in denen nichts schiefgehen darf.

Und zu Hause? Da dreht sich erstaunlich viel genau darum. „Wir machen zusammen die Kostüme“, sagt Franziska und grinst, „also vor allem Valentin macht sie.“ Er zuckt mit den Schultern. Irgendwer muss ja.

Zwei Wege, eine Halle

Franziska war zuerst aktiv. Mit zehn Jahren begann sie zu tanzen, erst in einem anderen Verein, dann wechselte sie nach Frankfurt. Valentin turnte damals noch. Reck, Boden, Sprung – klassische Turnhalle. „Sie hat mich dann irgendwann überredet“, sagt er. „Ich konnte halt schon viel Akrobatik.“ Was wie ein harmloser Geschwister-Effekt klingt, wurde zur gemeinsamen Sportbiografie. Erst Schautanz mit Hebefiguren, dann Solo. Heute trainieren sie zeitgleich – unterschiedliche Trainerinnen, gleiche Halle. Wenn sie montags trainieren, läuft es fast choreografiert ab: Erst tanzt einer, dann der andere. Einer filmt, der andere schwitzt. Danach Feedback. „Wir sind eigentlich wie eine Trainingsgruppe“, sagt Franziska. Konkurrenz? Klingt erst mal logisch. Zwei Solisten, gleiche Disziplin, gleiche Turniere. Aber so einfach ist es nicht. „Man denkt kurz drüber nach“, sagt Valentin, „aber eigentlich ändert es ja nichts. Wir sind Geschwister. Ich könnte auch irgendwer sein.“ Franziska nickt. „Es ist mehr ein Miteinander.“ Und man glaubt es ihnen. Wenn einer tanzt, steht der andere am Rand, feuert an. Kein Stirnrunzeln, kein heimliches Vergleichen. Eher Teamgefühl als Duell.

Kraft gegen Dehnung

Beide gehen offen mit ihren Stärken und Schwächen um. Valentin: mehr Kraft, mehr Explosivität. Franziska: weicher, beweglicher. „Ich bin einfach nicht so gedehnt“, sagt er trocken. „Bisschen mehr Kraft hat er“, ergänzt sie. Dafür braucht Valentin 45 Minuten bis sein Körper warm ist. Franziska ist nach 20 fertig. Er hasst das Dehnen, sie hadert mit der Akrobatik. „Da hat er mich schnell überholt“, sagt sie. „Das nervt schon manchmal.“ Geschwisterehrlichkeit. Kein Pathos.

Allein im Licht

Turniertage beginnen früh. Oder sehr spät. Je nach Startzeit. Sie kommen drei bis vier Stunden vorher an, fahren zusammen, nehmen die Trainerinnen mit. Franziska braucht eine gute Stunde fürs Styling, Valentin zehn Minuten. „Der Witz ist“, sagt sie, „er müsste sich eigentlich eine Stunde warmmachen. Macht er nie. Und dann kriegt er Stress.“ Er lacht. Er weiß, dass sie Recht hat. Hinter der Bühne stehen sie mit den anderen Solisten aus dem Verein. Fünf Starterinnen in der ersten Bundesliga. Musikfetzen, letzte Haarspraywolken, jemand zählt nochmal Schritte in der Passkontrolle. Und dann: einer nach dem anderen ins Licht.

„Es ist schon komisch, wenn man da alleine steht“, sagt Valentin. „Ganz anders als im Paar oder in der Gruppe.“ Nur du und die Musik. Kein Blickkontakt, kein Rettungsanker. Franziska sagt: „Aber man fühlt sich trotzdem nicht allein. Man hört die anderen ja anfeuern.“ Diese Mischung aus Einsamkeit und Rückhalt – vielleicht ist genau das der Reiz.

Der Moment des Überholens

Lange starteten sie in unterschiedlichen Ligen. Zu weit auseinander für direkte Vergleiche. Bis zu diesem Jahr. Beim ersten Turnier der Saison tanzt Franziska zuerst. Solide, sauber. Dann kommt Valentin. Sie steht am Rand und schaut zu. „Da habe ich gemerkt: Okay, heute überholt er mich.“ Kein Neid in ihrer Stimme, eher Stolz. „Er konnte auf der Bühne endlich abrufen, was er kann.“ Am Ende steht er einen Platz vor ihr. Bei der Siegerehrung zum ersten Mal nebeneinander. „Das war irgendwie komisch“, sagt Valentin, „aber auch cool.“ Das kleine Geschwisterkind vor der großen Schwester. Man hört den Unterton: Das darf nur Familie sagen.

Ziele ohne große Worte

Große Kampfansagen sind nicht ihre Sache. Valentin spricht vorsichtig von Punkten, vielleicht von den Hessischen Meisterschaften. Franziska hat ihren Traum – die Deutsche Meisterschaft – schon erlebt. Nach einer Operation vor der Saison ist sie einfach froh, tanzen zu können. „Niveau halten reicht gerade“, sagt sie. Und gemeinsam? „Eine gemeinsame Deutsche Meisterschaft wäre schon cool“, sagt er. „Oder erstmal eine gemeinsame Hessische“, sagt sie. Sie lachen. Typisch Geschwister: erst träumen, dann relativieren.

Warum das alles?

Zum Schluss eine Frage, die oft gestellt, aber selten so direkt beantwortet wird: Was würdet ihr jungen Tänzerinnen und Tänzern raten? Valentin sagt: „Eine gesunde Einstellung. Nicht zu verbissen.“ Franziska: „Ehrgeiz. Talent allein reicht nicht.“ Dann ergänzt er noch einen Satz, der hängen bleibt: „Man muss Lust haben, auf der Bühne zu tanzen. Sonst bringen dir auch 290 Punkte nichts.“

Vielleicht ist das der Kern dieser Geschichte. Nicht Medaillen, nicht Platzierungen. Sondern zwei Geschwister, die nach Feierabend Kostüme nähen, sich gegenseitig filmen, sich überholen, sich wieder einholen – und immer wieder freiwillig allein ins Licht treten. Und danach zusammen nach Hause fahren.

 

Redaktion: Maximilian Biehler